ESC 2018 - Typisch untypisch

© EBU / RTP
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Was für andere der Super-Bowl oder das Endspiel einer Fußball-Weltmeisterschaft ist, ist für mich der traditionelle "Eurovision Song Contest" (erst letztes Jahr habe ich ihm hier meine Liebe erklärt). Er ist ein weltweit einzigartiges Ereignis, das Show für Show rund 200 Millionen Menschen vor den Bildschirmen fesselt. In seiner mittlerweile 63-jährigen Geschichte fand der ESC heuer erstmals in Portugal statt.

© EBU / RTP
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Als Austragungsort fungierte die Hauptstadt Lissabon. Unter dem Motto "All Aboard!" spielte man auf die historische Rolle Portugals als Seefahrernation an und entwickelte einen maritimen Look, der in zwölf verschiedenen Logo-Versionen zum Vorschein kam.

Die mit der Ausrichtung betraute Rundfunkanstalt RTP hatte es sich zum Ziel gesetzt den günstigsten ESC aller Zeiten zu veranstalten. Eine Absicht, die sich bereits im Bühnendesign widerspiegelte. Hier wurde zum ersten Mal seit vielen Jahren komplett auf LED-Wände verzichtet, um die Künstler und ihre Performances wieder mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Dies hatte allerdings den Nebeneffekt, dass umso mehr Länder ihre eigenen Requisiten mit auf die Bühne brachten - angefangen bei Regalen voller chinesischer Winke-Katzen, über eine sich drehende Zielscheibe, bis hin zu einem als Sarg zweckentfremdeten Klavier, das am Ende der ukrainischen Performance in Flammen aufging. Von den typisch-extravaganten Kleidern und dem gewohnt-übermäßigen Einsatz der Windmaschine wollen wir erst gar nicht reden.

Foto: Andres Putting / © EBU
Foto: Andres Putting / © EBU

Musikalisch fiel auf, dass sich, womöglich inspiriert vom Vorjahressieger Salvador Sobral, auffällig viele Teilnehmer ihrer Landessprache bedienten. Generell gesehen handelte es sich aber um den klassischen ESC-Mix aus Balladen, Pop-Songs und einigen erfrischend Ausreißern, wie der Metal-Band AWS aus Ungarn oder Moldau, das für den obligatorischen Trash-Beitrag sorgte und im Finale sogar die Top-10 erreichte.

Überraschend weit vorne waren auch die Beiträge von Österreich (Platz 3) und Deutschland (Platz 4). Beim Jury-Voting, welches seit 2016 getrennt von der Publikumsabstimmung verkündet wird, lag Österreich sogar an erster Stelle.

Foto: Andres Putting / © EBU
Foto: Andres Putting / © EBU

Den Sieg machten sich am Ende aber dann doch die beiden Wettquoten-Favoriten Zypern und Isreal untereinander aus. Sängerin Netta holt mit ihrem unkonventionellen Song zur #MeToo-Debatte den Eurovision Song Contest 2019 an die südöstliche Mittelmeerküste. Dort wird die Show vermutlich zum dritten Mal nach 1979 und 1999 - und damit im Abstand von genau 20 Jahren - in Jerusalem stattfinden. Wie sich die politisch-angespannte Lage im Nahen Osten darauf auswirken wird, muss sich erst zeigen.

 

Foto: Thomas Hansens / © EBU
Foto: Thomas Hansens / © EBU

Ob ein ESC gut oder schlecht war, misst man aber nicht an der Qualität oder Originalität der Musikbeiträge, denn die pendeln jedes Jahr auf einem vergleichbaren Niveau, sondern am Rahmenprogramm des Gastgebers.

Unter diesem Gesichtspunkt war der Song Contest 2018 leider kein guter.

Selbst wer seine Erwartungen auf dem ohnehin bereits niedrigen Niveau des Vorjahres hielt, wurde enttäuscht.

Portugal bot mit dem Duett zweier Fado-Sängerin zwar eine landestypische, aber zugleich unfassbar langweilige Eröffnungszeremonie. Bei den Halbfinal-Shows ließ man Opening-Acts sogar ganz weg und auch die Idee Salvador Sobral im Finale gleich zweimal singen zu lassen, strotzte nicht unbedingt vor Kreativität.

Man kann nur hoffen, dass es die Israelis nächstes Jahr besser machen.

 

Am Ende des Abends stand aber dann doch ein Eurovision Song Contest wie wir ihn kennen und lieben: Eine glanzvolle Party für ganz Europa mit großer musikalischer Bandbreite, lustigen Momenten und einer Siegerin, die sich mit ihrer Performance in eine Reihe von Gewinnern einordnet, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Typisch untypisch eben.

 

Niki

 

Meine Top-5 des ESC 2018

1. Tschechien: Mikolas Josef - Lie To Me

2. Ungarn: AWS - Viszlát Nyár

3. Israel: Netta - Toy

4. Deutschland: Michael Schulte - You Let Me Walk Alone

5. Österreich: Cesár Sampson - Nobody But You

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